Altersvorsorgedepot, ETF-Rentenversicherung oder Riester: Diese 4 Fragen entscheiden
Wenn du dich gerade fragst, was ab 2027 das richtige Vorsorgeprodukt für dich ist, wirst du im Netz vor allem eins finden: Leute, die dir sagen, dass genau eines davon das Beste ist und alle anderen Quatsch sind. Meistens ist es zufällig das, was der Absender verkauft oder mit dem er die meisten Klicks bekommt.
Nach über einem Jahrzehnt am Beratungstisch kann ich dir sagen: So funktioniert das nicht. Ich habe Kunden, für die ist die fondsgebundene Rentenversicherung der beste Baustein. Und ich habe Kunden im Nachbarbüro-Termin, für die wäre genau die falsch und ein schlichtes Depot richtig. Beide Male ist das Produkt dasselbe geblieben, der Mensch davor war ein anderer.
Deshalb drehen wir den Spieß um. Statt Produkte gegeneinander antreten zu lassen, gehen wir vier Fragen durch, die du dir selbst beantworten kannst. Danach weißt du, welcher Baustein bei dir welche Rolle spielt.
Kurz gesagt: Es gibt kein bestes Produkt, es gibt nur die passende Mischung. Grob: Das Altersvorsorgedepot ab 2027 punktet mit Zulagen und Steuerfreiheit in der Ansparphase, dafür ist das Geld bis mindestens 65 gebunden. Die ETF-Rentenversicherung punktet mit steuerfreiem Umschichten, dem Halbeinkünfteverfahren nach der 12/62-Regel und einer lebenslangen Rente. Riester bleibt für manche Bestandskunden und für Familien mit kleinem Einkommen und mehreren Kindern die beste Förderquote. Das freie ETF-Depot gewinnt immer dann, wenn du flexibel bleiben musst. In der Praxis kombinieren die meisten zwei oder drei davon.
Frage 1: Wie viel Zeit hast du noch?
Das ist die wichtigste Frage, und sie hat nichts mit Produkten zu tun. Sie entscheidet, wie viel Schwankung du dir überhaupt leisten kannst.
Unser Renditedreieck zeigt es an echten Daten: Über 30 Jahre endete beim Weltmarkt bisher jeder einzelne Zeitraum im Plus. Über fünf Jahre eben nicht. Wer Ende 1999 kaufte, stand zehn Jahre später im Minus, und wer Ende 2007 einstieg, brauchte Geduld. Zeit ist der Rohstoff, aus dem Aktienrendite gemacht wird.
Daraus folgt ganz nüchtern:
- Über 20 Jahre Zeit: Aktienquote hoch, Garantien braucht es meist nicht. Das Altersvorsorgedepot und die fondsgebundene Police spielen hier ihre Stärke aus.
- 10 bis 20 Jahre: Immer noch klar kapitalmarktorientiert, aber der Weg in die Auszahlung will geplant sein.
- Unter 10 Jahre: Jetzt wird Absicherung zum echten Wert. Eine Garantie kostet Rendite, das stimmt, aber sie kauft dir Planbarkeit, wenn keine Zeit mehr zum Aussitzen bleibt. Für diese Lebensphase ist das ein fairer Tausch.
Frage 2: Musst du an das Geld drankommen?
Hier trennt sich am deutlichsten, was zu wem passt, und hier machen die meisten den Fehler.
Das Altersvorsorgedepot ist ein Renten-Topf. Auszahlung frühestens mit 65 (Quelle: Bundesfinanzministerium). Wer mit 40 einzahlt und mit 50 eine Immobilie kaufen will, kommt an dieses Geld nicht heran. Die Zulagen bekommst du genau dafür, dass du es liegen lässt.
Eine Tür könnte sich hier allerdings noch öffnen: Bei Riester gab es die wohnwirtschaftliche Verwendung, also die Möglichkeit, das geförderte Kapital für die eigene Immobilie einzusetzen. Ob und wie das beim Altersvorsorgedepot kommt, etwa über einen Versicherer als Durchführungsweg oder eine andere Abbildung, ist noch nicht entschieden. Falls es kommt, wird der Renten-Topf schlagartig auch als Immobiliensparform interessant: Zulagen und Steuerersparnis würden dann als Eigenkapital für den Kauf der eigenen vier Wände arbeiten, ein ordentlicher Hebel. Bis die Ausgestaltung feststeht, planst du besser ohne diese Option und nimmst sie als Bonus mit, falls sie kommt.
Das freie ETF-Depot ist das Gegenteil: jederzeit verfügbar, keine Bindung, keine Förderung. Für alles, was vor der Rente ansteht, ist es fast immer das richtige Werkzeug.
Die fondsgebundene Rentenversicherung liegt dazwischen: Sie ist auf lange Laufzeit gebaut, lässt aber je nach Vertrag Entnahmen zu.
Meine Faustregel aus der Praxis: Bevor irgendein gebundener Vertrag unterschrieben wird, gehört ein Notgroschen auf ein Tagesgeldkonto und ein freies Depot für die mittelfristigen Ziele. Erst danach kommt der Renten-Topf. Wer das umdreht, muss im dümmsten Moment an gebundenes Geld heran und macht dann Verluste, die keine Förderung wieder einholt.
Frage 3: Wie viel legt der Staat bei dir konkret dazu?
Jetzt wird es rechenbar, und hier lohnt sich der genaue Blick, weil die Antwort je nach Lebenssituation komplett kippt.
| Wie der Staat hilft | Stärkster Fall | |
|---|---|---|
| Altersvorsorgedepot | Bis 540 € Grundzulage im Jahr, bis 300 € je Kind, einmalig 200 € vor dem 25. Geburtstag; Erträge in der Ansparphase steuerfrei | Berufseinsteiger und Familien mit mittlerem Einkommen |
| ETF-Rentenversicherung | Keine Zulagen, dafür steuerfreies Umschichten und bei Kapitalauszahlung nach der 12/62-Regel nur die Hälfte der Erträge steuerpflichtig, dazu 15 % Teilfreistellung | Gutverdiener mit hohem Steuersatz und langer Laufzeit |
| Riester (Bestand) | Volle Zulagen schon ab 60 € Sockelbetrag im Jahr | Familien mit kleinem Einkommen und mehreren Kindern |
| Freies ETF-Depot | Keine Förderung, dafür 30 % Teilfreistellung bei Aktienfonds und der Sparerpauschbetrag | Alles vor der Rente, maximale Flexibilität |
Zwei Dinge daran werden regelmäßig übersehen.
Erstens der Riester-Sonderfall. Bei Riester genügt der Sockelbetrag von 60 Euro im Jahr für die vollen Zulagen. Im neuen Altersvorsorgedepot braucht es für die volle Kinderzulage rund 25 Euro im Monat Eigenbeitrag (Quelle: Finanztip). Für eine junge Familie mit drei Kindern und schmalem Budget kann das alte Modell dadurch die bessere Förderquote haben. Mehr dazu im Artikel zum Riester-Wechsel.
Zweitens die Steuer im Versicherungsmantel. Bei der fondsgebundenen Police bleiben zunächst 15 Prozent der Erträge über die Teilfreistellung frei, auf den Rest wird nach der 12/62-Regel das Halbeinkünfteverfahren angewendet, sodass am Ende nur rund 42,5 Prozent der Erträge mit dem persönlichen Steuersatz belastet werden (Quelle: LV 1871). Voraussetzung: mindestens 12 Jahre Laufzeit und mindestens 62 Jahre alt bei Auszahlung. Wer im Ruhestand einen niedrigen Steuersatz hat, fährt damit oft besser als mit der Abgeltungssteuer im Depot. Das muss allerdings aktiv über die Anlage KAP erklärt werden, von allein passiert es nicht.
Was du für deinen eigenen Fall an Zulagen bekämst, kannst du mit unserem Förderrechner in zwei Minuten durchrechnen.
Frage 4: Willst du am Ende Kapital oder eine lebenslange Rente?
Diese Frage stellt fast niemand, dabei entscheidet sie über den größten strukturellen Unterschied.
Ein Depot zahlt dir aus, was drin ist. Punkt. Du entnimmst selbst, du steuerst selbst, und du trägst selbst das Risiko, dass du älter wirst als dein Geld reicht. Das klingt abstrakt, bis man 95 wird.
Eine Rentenversicherung dreht genau das um. Über den Rentenfaktor legt der Versicherer fest, wie viel monatliche Rente du je 10.000 Euro Kapital bekommst, und zwar lebenslang. Ein Rentenfaktor von 25 bedeutet: aus 100.000 Euro werden 250 Euro im Monat, bis zum Schluss, egal wie alt du wirst. Dieser Langlebigkeitsschutz ist eine Versicherungsleistung, die ein Depot strukturell nicht bieten kann. Dafür zahlst du, und dafür bekommst du etwas.
Auch das Altersvorsorgedepot geht in diese Richtung: Ausgezahlt wird als lebenslange Rente oder als Auszahlplan, der mindestens bis zum 85. Lebensjahr läuft (Quelle: Bundesfinanzministerium).
Die eigentliche Frage lautet also: Welchen Teil deines Ruhestands willst du planbar haben, und welchen Teil beweglich?
Drei Menschen, drei völlig verschiedene Antworten
Damit das nicht abstrakt bleibt, drei Situationen, wie sie mir in Hannover regelmäßig begegnen. Alle drei sind sinnvoll beraten, und alle drei sehen unterschiedlich aus.
Lena, 24, Berufseinsteigerin. Über 40 Jahre Zeit, kleines Budget, will irgendwann vielleicht eine Wohnung. Ihre Mischung: Notgroschen aufbauen, dann ein freies ETF-Depot für die Wohnung, und parallel ab 2027 das Altersvorsorgedepot mit kleinem Beitrag, um den 200-Euro-Bonus vor 25 und die Zulagen mitzunehmen. Auf die Police komplett zu verzichten wäre trotzdem verschenkt: Nirgendwo arbeitet der Zinseszins so lange wie bei einer 24-Jährigen mit 40 Jahren Laufzeit. Deshalb kauft sie sich dort schon jetzt eine kleine Anwartschaft ein, mit bewusst niedrigem Beitrag, der ihr Budget nicht drückt. Der frühe Start sichert ihr die lange Laufzeit, und wenn das Gehalt wächst, legt sie in genau diesem Vertrag richtig los. Groß aufstocken kommt später, Flexibilität bleibt jetzt vorn.
Familie Özdemir, Mitte 30, drei Kinder, ein mittleres Einkommen. Hier läuft ein Riester-Vertrag. Wegen des 60-Euro-Sockelbetrags holt die Familie dort mit sehr kleinem Eigenbeitrag die vollen Zulagen ab. Bevor irgendetwas übertragen wird, gehört genau durchgerechnet, ob das neue Depot diese Förderquote überhaupt schlägt. Kann sein, kann auch nicht sein.
Martin, 48, Ingenieur, hoher Steuersatz. Er hat bereits ein gut gefülltes Depot und braucht für später vor allem Planbarkeit. Bei ihm ergibt die ETF-Rentenversicherung Sinn: steuerfreies Umschichten in den nächsten 17 Jahren, Halbeinkünfteverfahren bei Auszahlung mit 65, lebenslange Rente als Absicherung. Besonders stark wird der Mantel bei ihm über Zuzahlungen und Einmalbeiträge: Geld, das ohnehin lange arbeiten soll, wächst dort ohne Steuerbremse beim Umschichten und wird später über die 12/62-Regel deutlich milder besteuert entnommen als aus dem Depot. Dazu das Altersvorsorgedepot für die Zulagen, soweit sie bei seinem Einkommen noch greifen.
Dreimal dieselben Produkte auf dem Tisch, dreimal eine andere Antwort. Wer hier eine Pauschalempfehlung abgibt, kennt den Menschen gegenüber noch nicht.
Was heißt das jetzt für dich?
Wenn du bis hierher gelesen hast, ist die Antwort auf die Ausgangsfrage vermutlich schon klarer als jede Produkttabelle: Die eigentliche Arbeit liegt darin, jedem Baustein seine Rolle zuzuweisen.
Ein sinnvoller Aufbau sieht in den meisten Fällen so aus:
- Notgroschen auf Tagesgeld, drei bis sechs Monatsausgaben.
- Freies Depot für alles, was vor der Rente ansteht.
- Geförderter Renten-Topf (Altersvorsorgedepot, gegebenenfalls der bestehende Riester) für die Zulagen und die Steuerfreiheit in der Ansparphase.
- Versicherungsmantel oder Immobilie dort, wo Planbarkeit, Langlebigkeitsschutz oder Steuerstruktur einen echten Mehrwert bringen.
Und über allem steht die gesetzliche Rente als Basis, die man kennen sollte, bevor man irgendetwas darauf aufbaut. Wie diese Bausteine zusammenspielen, habe ich im Pillar zum Altersvorsorgedepot ausführlicher beschrieben.
Häufige Fragen zum Vergleich
Was ist besser: Altersvorsorgedepot oder ETF-Rentenversicherung?
Das hängt an deinem Zeithorizont, deinem Steuersatz und daran, ob du eine lebenslange Rente willst. Das Altersvorsorgedepot bringt Zulagen und Steuerfreiheit in der Ansparphase, die Police bringt steuerfreies Umschichten, das Halbeinkünfteverfahren nach 12/62 und den Langlebigkeitsschutz. Bei vielen ergibt eine Kombination mehr Sinn als eine Entscheidung für nur eines.
Brauche ich überhaupt noch ein freies Depot, wenn ich ein Altersvorsorgedepot habe?
In aller Regel ja. Das Altersvorsorgedepot ist bis mindestens 65 gebunden. Alles, was du vorher brauchst, von der Wohnung bis zum Autowechsel, gehört in ein freies, flexibles Depot.
Lohnt sich Riester 2027 überhaupt noch?
Für Neuabschlüsse gibt es Riester ab 2027 nicht mehr. Bestehende Verträge behalten Bestandsschutz, und für manche Konstellationen, vor allem Familien mit kleinem Einkommen und mehreren Kindern, ist die Förderquote dort weiterhin stark. Das gehört im Einzelfall gerechnet, nicht pauschal entschieden.
Was bedeutet die 12/62-Regel genau?
Läuft der Vertrag mindestens 12 Jahre und bist du bei der Kapitalauszahlung mindestens 62, wird nur die Hälfte der Erträge mit deinem persönlichen Steuersatz besteuert. Bei fondsgebundenen Policen kommen vorher noch 15 Prozent Teilfreistellung dazu.
Ist eine fondsgebundene Rentenversicherung nicht immer die schlechtere Wahl gegenüber einem Depot?
Nein, das ist zu pauschal. Sie kostet mehr als ein reines Depot und bietet dafür Leistungen, die ein Depot nicht hat: steuerfreies Umschichten, planbare lebenslange Rente, günstige Besteuerung bei langer Laufzeit. Ob sich das für dich rechnet, hängt an Laufzeit, Steuersatz und daran, wie wichtig dir Planbarkeit im Alter ist.
Kann ich mehrere dieser Wege gleichzeitig nutzen?
Ja, und in der Praxis ist genau das der Normalfall. Wichtig ist die Reihenfolge: erst Liquidität, dann Flexibilität, dann Förderung, dann Struktur.
Du willst wissen, welche Mischung in deiner Situation Sinn ergibt, statt dich durch Produktwerbung zu arbeiten? Wir rechnen deine Bausteine gemeinsam durch, kostenfrei. Vereinbare hier ein Gespräch oder starte mit dem Förderrechner.
Quellen
- Bundesfinanzministerium: FAQ zur Reform der geförderten privaten Altersvorsorge (Zulagen, Steuerfreiheit in der Ansparphase, Auszahlung ab 65, Auszahlplan bis 85). bundesfinanzministerium.de
- Bundesregierung: Fragen und Antworten zur reformierten privaten Altersvorsorge (Zulagenstaffel, Kostendeckel Standarddepot). bundesregierung.de
- LV 1871: Halbeinkünfteverfahren bei der Rentenversicherung (12/62-Regel, hälftige Besteuerung). lv1871.de
- Versicherungen mit Kopf: Fondsgebundene Rentenversicherung Steuer (15 % Teilfreistellung, Zusammenspiel mit dem Halbeinkünfteverfahren, Anlage KAP). versicherungenmitkopf.de
- Finanztip: Altersvorsorgedepot oder Riester-Rente? (Sockelbetrag 60 Euro, Kinderzulage ab rund 25 Euro Monatsbeitrag). finanztip.de
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